KI produziert bereits eine Flut von Indie-Spiel-Klonen

Früher war die größte Angst vieler Indie-Entwickler, dass ihre Idee nicht genug Aufmerksamkeit bekommt. Heute kommt eine neue Sorge hinzu: Was, wenn die Idee erfolgreich ist – und jemand sie kopiert, bevor das eigentliche Spiel überhaupt fertig ist?

Genau das soll der Indie-Entwicklerin Freya Holmér passiert sein.

Anfang dieses Jahres veröffentlichte Holmér einen gerade einmal 50 Sekunden langen Clip mit einer Spielidee, über die sie schon lange nachgedacht hatte:

Was wäre, wenn man Tetris spielt, aber sich das Spielfeld während des Platzierens der Blöcke dreht?

Die Idee war einfach, aber spannend. Der Clip verbreitete sich schnell in den sozialen Medien und weckte großes Interesse. Doch nur wenige Tage später entdeckte Holmér, dass jemand mithilfe von KI-Programmierwerkzeugen bereits eine Kopie ihrer Idee erstellt hatte.

Kurz darauf tauchte eine weitere KI-generierte Version in App-Stores auf. Danach folgten weitere.

Für viele Indie-Entwickler könnte dies eine neue Realität bedeuten: Ideen, Prototypen und frühe Konzepte, die früher geschützt waren, können heute innerhalb weniger Tage nachgebaut und veröffentlicht werden.

Das könnte nicht nur finanzielle Folgen haben. Es könnte auch dazu führen, dass Entwickler weniger bereit sind, ihre Arbeit öffentlich zu zeigen.

Mit KI werden Spielekopien zur Massenproduktion

Wie 404 Media und Journalistin Nicole Carpenter kürzlich berichteten, beklagen mehrere Entwickler, dass Menschen mithilfe von KI sogenannte „Vibe-Coding“-Kopien ihrer Spiele erstellen.

Dabei beschreibt „Vibe Coding“ eine Arbeitsweise, bei der Nutzer einer KI lediglich Anweisungen geben und diese anschließend große Teile des Codes generiert.

Mit Tools wie Claude kann inzwischen eine einzelne Person innerhalb weniger Tage – manchmal sogar schneller – ein spielbares Spiel erstellen, das stark an ein anderes Werk erinnert.

Diese KI-Klone landen anschließend auf:

  • PC-Plattformen,
  • Konsolen-Stores,
  • mobilen App-Stores.

Für kleine Entwickler wird es dadurch immer schwieriger, in einem Markt aufzufallen, der ohnehin jedes Jahr mit Tausenden neuen Spielen überschwemmt wird.

„Ich hatte das Gefühl, ich hätte etwas völlig Neues geschaffen“

Ein Entwickler namens Charlie Greenman sprach mit 404 Media darüber, wie er Holmérs Idee sah und anschließend mithilfe von KI seine eigene Version entwickelte.

Nach einigen KI-Eingaben und ungefähr einem Tag Arbeit entstand sein Spiel Rotris, eine Variante von Holmérs rotierendem Tetris-Konzept.

Greenman sieht dabei kein moralisches Problem.

„Es ist mir eigentlich ziemlich egal, was mit dem Spiel passiert. Niemand hat sich dafür interessiert.“

Gegenüber 404 Media erklärte er:

„Ich hatte das Gefühl, ich hätte eine komplett neue Kreation erschaffen.“

Seine Argumentation:

„Ab wann kopiert ein Song einen anderen? Ab wann kopiert ein Spiel ein anderes? Derjenige, der Blox oder Jenga erfunden hat – ist das dann eine Kopie von Tetris?“

Spielklone gab es schon immer – aber KI verändert alles

Natürlich sind Kopien in der Spieleindustrie nichts Neues.

Schon lange gibt es Spiele, die stark von erfolgreichen Titeln inspiriert wurden. Zynga wurde beispielsweise in der Vergangenheit von Publishern wie Electronic Arts beschuldigt, Ideen und Mechaniken anderer Spiele übernommen zu haben.

Der Unterschied heute ist jedoch die Geschwindigkeit.

Früher benötigte man Entwickler, Designer und viel Zeit, um ein ähnliches Spiel zu erstellen. Mit KI können einzelne Personen nun innerhalb kürzester Zeit eine funktionierende Kopie bauen und veröffentlichen.

Diese Spiele sind oft schlechter programmiert oder besitzen nicht den Charme des Originals. Doch für viele Spieler spielt das keine große Rolle – besonders dann nicht, wenn die Kopie kostenlos oder extrem günstig angeboten wird.

Auch größere Unternehmen sollen KI-Klone nutzen

Laut 404 Media beschränkt sich dieses Problem offenbar nicht nur auf einzelne Hobbyentwickler.

Auch größere Studios und Publisher sollen beginnen, KI für die schnelle Erstellung von Klonen einzusetzen.

Ein ehemaliger Mitarbeiter von Midnight Works, einem Unternehmen, das von mehreren Entwicklern beschuldigt wurde, Stores mit geklonten Spielen und angeblich kopierten Assets zu überschwemmen, erklärte gegenüber 404 Media, dass die Strategie des Studios bereits seit Jahren ähnlich gewesen sei:

Beliebte Spiele nachbauen, einen ähnlichen Namen wählen und die Kopie für wenige Dollar verkaufen.

Der ehemalige Mitarbeiter sagte:

„Alles wurde mit der Hoffnung gemacht, Käufer zu verwirren, damit sie unsere schlechte Kopie statt des Originals kaufen.“

Außerdem bestätigte er, dass generative KI inzwischen „bei jedem Schritt“ eingesetzt wurde.

Die Technologie soll unter anderem genutzt worden sein, um zu erstellen:

  • Banner,
  • Screenshots,
  • Benutzeroberflächen,
  • 3D-Modelle.

Eine industrielle Nutzung von KI für Spielekopien könnte den Wettbewerb für kleine Entwickler noch härter machen.

„Jemand wird kommen und deine Idee stehlen“

Für Freya Holmér hat diese Entwicklung bereits Auswirkungen darauf, wie offen sie über ihre Arbeit spricht.

Sie sagte:

„Es hält mich davon ab, über meine Arbeit zu sprechen.“

Die Angst sei inzwischen immer vorhanden:

„Man bekommt jedes Mal diese Angst, wenn man etwas veröffentlicht. Jemand könnte kommen, dein Spiel für dich fertigstellen, es monetarisieren und das gesamte Konzept stehlen.“

Früher sei das Kopieren einer Spielidee deutlich schwieriger gewesen.

Es habe Wissen, Fähigkeiten, Zeit und eine gute Umsetzung benötigt.

Doch durch KI ändere sich diese Situation:

„Mit KI erleben wir eine allgemeine Abwertung von Fähigkeiten und Wissen.“

Für die Indie-Szene könnte das langfristige Folgen haben. Einerseits eröffnet KI neue Möglichkeiten für kleine Teams und Einzelentwickler. Andererseits macht dieselbe Technologie es einfacher, kreative Arbeit anderer Menschen nachzubauen und schneller auf den Markt zu bringen.

Die große Frage bleibt daher: Wird KI in der Spieleentwicklung vor allem ein Werkzeug für Kreativität – oder ein Werkzeug für eine Flut austauschbarer Kopien?