Exklusives Interview: „Chief Anime Officer“ von Kadokawa über Deutschlands Anime-Fans, Trends und die Zukunft der Branche

Anime ist längst ein globales Phänomen und wächst besonders in Europa und der DACH-Region rasant. Doch wie werden große Anime-Projekte eigentlich entschieden? Wie wichtig sind internationale Märkte wirklich? Und bleibt Anime authentisch, wenn er weltweit erfolgreich ist?

Wir haben exklusiv mit dem Chief Anime Officer der Kadokawa Corporation gesprochen – einem der zentralen Entscheider hinter dutzenden Produktionen pro Jahr.


„Ich treffe die strategischen Entscheidungen hinter rund 60 Anime pro Jahr“

Planetkey: Der Titel „Chief Anime Officer“ ist ziemlich einzigartig. Was bedeutet diese Rolle konkret und wie sieht dein Alltag aus?

Kadokawa CAO:
Die Kadokawa Group ist ein umfassendes Entertainment-Unternehmen, das ein breites Spektrum an Geschäftsbereichen abdeckt, darunter Publishing, Animation, Film, Gaming, Web-Services sowie Education und EdTech. Mit der steigenden strategischen Bedeutung unseres Anime-Geschäfts wurde die Position des Chief Anime Officer geschaffen, um diesen Bereich ganzheitlich zu steuern. Ich bin aktuell die dritte Person in dieser Rolle.

In meiner Funktion bin ich für das gesamte Anime-Business verantwortlich. Kadokawa gehört zu den führenden Anime-Produktionsunternehmen in Japan und ist jährlich an etwa 60 Titeln beteiligt, einschließlich Minderheitsinvestitionen.

Während die einzelnen Produzenten für die kreative Umsetzung verantwortlich sind, liegt mein Fokus auf der geschäftlichen Seite. Das bedeutet konkret, dass ich die Investitionsentscheidungen treffe und darüber entscheide, welche Projekte überhaupt grünes Licht bekommen.

Zusätzlich bin ich parallel als Head of Global Licensing tätig. Mein Alltag besteht aus einer Mischung aus strategischen Meetings, der Vorbereitung von Unterlagen sowie Präsentationen. Außerdem bin ich viel international unterwegs. Etwa 20 Prozent des Jahres verbringe ich im Ausland, vor allem für Events und geschäftliche Verhandlungen.


„Westliche Fans leben Anime stärker nach außen“

Planetkey: Anime wächst weltweit sehr schnell, besonders in Europa. Was unterscheidet japanische Zuschauer von westlichen Communities?

Kadokawa CAO:
Grundsätzlich gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen Fans in Europa und Japan. Dennoch habe ich den Eindruck, dass westliche Fans Anime stärker als Mittel zur Selbstexpression nutzen und ihn insgesamt offener und extrovertierter ausleben.

Das zeigt sich besonders deutlich in der Begeisterung für Cosplay sowie in der hohen Energie großer Community-Events.

Wenn wir speziell auf den deutschen Markt schauen, sehen wir einige interessante Besonderheiten. Es gibt eine klare Vorliebe für Inhalte mit Gothic-Elementen, Gore oder Vampir-Thematiken. Innerhalb unseres Portfolios sind vor allem Serien mit intensiver Action oder einem eher „edgy“ Stil besonders erfolgreich, etwa Bungo Stray Dogs, Made in Abyss oder High School DxD.

Darüber hinaus beobachten wir im Manga-Bereich eine starke Nachfrage nach BL-Titeln (Boys' Love).

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die hohe Wertschätzung für physische Produkte. Deutsche Fans legen großen Wert auf qualitativ hochwertige Merchandise-Artikel wie Figuren oder Blu-ray- und DVD-Editionen. Dabei bevorzugen sie oft besonders detaillierte und hochwertig verarbeitete Produkte – ein Verhalten, das stark an die Core-Fans in Japan erinnert.

Außerdem nehme ich Deutschland als einen der wichtigsten Märkte für Brettspiele weltweit wahr. In deutschen Buchhandlungen findet man große Bereiche, die diesem Segment gewidmet sind, während es in Japan oft nur eine kleine Auswahl gibt. Ich glaube, dass diese Kultur, sich intensiv mit Unterhaltung im eigenen Zuhause zu beschäftigen, eine natürliche Verbindung zur Rezeption von Anime und Büchern aus Japan schafft.


„Wir verändern Inhalte nicht für internationale Märkte“

Planetkey: Geht es bei der Lokalisierung heute noch hauptsächlich um Übersetzung oder eher um kulturelle Anpassung und Community-Aufbau?

Kadokawa CAO:
In der Planungsphase liegt unser Hauptfokus weiterhin darauf, einen Erfolg im japanischen Markt zu erzielen. Gleichzeitig spielen internationale Einnahmen, insbesondere sogenannte Minimum Guarantees (MG) von Streaming-Plattformen, bereits früh eine wichtige Rolle als KPI.

Was wir jedoch nicht tun, ist die Entwicklung von Inhalten, die von vornherein auf eine kulturelle Anpassung ausgelegt sind. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir keine Charaktere oder Hintergründe gezielt verändern, um sie bestimmten Regionen anzupassen.

Unsere grundlegende Haltung ist es, die ursprüngliche Intention der Creator zu respektieren und die einzigartigen Eigenschaften eines Werks so zu vermitteln, wie sie ursprünglich für den japanischen Markt gedacht waren.

Es gibt natürlich Einzelfälle, in denen kleinere Anpassungen notwendig sind, etwa um regulatorische Anforderungen einzelner Märkte zu erfüllen, beispielsweise durch reduzierte Darstellung von Haut. Solche Anpassungen orientieren sich jedoch an den jeweiligen Standards der Streaming-Plattformen.

Unser Ziel ist es, die kreative Vision und Ausdrucksform der Werke zu bewahren und gleichzeitig Wege zu finden, diese Inhalte global zugänglich zu machen. Ein wichtiger Bestandteil dabei ist es, verschiedene Berührungspunkte zu schaffen, insbesondere über Merchandise und Consumer Products, damit Fans weltweit die Möglichkeit haben, vollständig in diese Welten einzutauchen.


„Gleichzeitige Releases sind der Schlüssel zum globalen Erfolg“

Planetkey: Welche Trends werden die nächste Generation von Anime-Fans prägen?

Kadokawa CAO:
Zunächst einmal konzentrieren wir uns auf die Grundlagen, also die Bereitstellung von hochwertiger Unterhaltung mit entsprechend hoher visueller Qualität.

Was Trends betrifft, verfolgen wir nicht das Ziel, kurzfristigen Hypes zu folgen. Stattdessen legen wir großen Wert darauf, unterschiedliche Genres abzudecken und eine möglichst diverse Pipeline zu erhalten. Anstatt bestimmte Kategorien wie Isekai massenhaft zu produzieren, sehen wir Vielfalt als entscheidenden Faktor.

Ein besonders wichtiger Aspekt ist jedoch die Veröffentlichung. Simultane Releases, also ein gleichzeitiger Start weltweit, sind heute von zentraler Bedeutung. Es ist entscheidend, dass Fans auf der ganzen Welt ein Werk zur gleichen Zeit erleben können und dieselbe Begeisterung empfinden wie das Publikum in Japan.

Ich bin überzeugt, dass genau diese Synchronität ein wesentlicher Faktor ist, um den globalen Wert unserer IPs zu maximieren.


Warum Events wichtiger sind als je zuvor

Planetkey: Welche Rolle spielen Events wie AnimeJapan heute noch?

Kadokawa CAO:
In einer Zeit, in der Anime größtenteils digital konsumiert wird, sind physische Events wie AnimeJapan oder auch die Anime Expo wichtiger denn je.

Sie bieten Fans die Möglichkeit, sich physisch zu versammeln und ihre gemeinsame Leidenschaft zu teilen. Gleichzeitig sind sie wichtige Orte, an denen sich Casual-Fans intensiver mit dem Medium auseinandersetzen und sich zu Core-Fans entwickeln können.

Auch aus geschäftlicher Sicht sind diese Veranstaltungen unverzichtbar. Sie fungieren als zentrale Plattformen für internationale Verhandlungen und bringen Studios, Entwickler und Plattformen aus aller Welt zusammen.

In den letzten Jahren sehen wir zudem eine deutliche Zunahme internationaler Aussteller, was die wachsende globale Bedeutung und Diversität der Branche unterstreicht.


„KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz für Kreativität“

Planetkey: Viele Fans fragen sich, wie KI die Anime-Produktion verändern wird. Wie siehst du das?

Kadokawa CAO:
Innerhalb der Kadokawa Group treiben wir die Nutzung von KI aktiv voran, allerdings mit einem klaren Fokus auf Effizienzsteigerung und Optimierung von Geschäftsprozessen.

Der Einsatz konzentriert sich derzeit nicht auf kreative Anwendungen, sondern auf operative Bereiche, in denen Prozesse verbessert und Ressourcen effizienter genutzt werden können.


Anime als globaler Kulturträger

Planetkey: Anime ist einer der wichtigsten kulturellen Exporte Japans. Welche Rolle spielst du dabei persönlich?

Kadokawa CAO:
Meine Aufgabe sehe ich darin, kontinuierlich hochwertige Inhalte über alle Genres hinweg zu produzieren und diese mithilfe digitaler und Streaming-Plattformen global zugänglich zu machen.

Gleichzeitig ist es mein Ziel, den langfristigen Wert unserer IPs zu maximieren und unsere Fanbasis international weiter auszubauen.

Was die kulturelle Wirkung betrifft, habe ich den Eindruck, dass die Wahrnehmung Japans im Ausland zunehmend positiver wird. Elemente wie das Konzept von „Kawaii“ oder auch die Darstellung von Schuluniformen finden weltweit Anklang.

Es ist ein faszinierendes Phänomen, dass die Werte und Kultur japanischer Jugendlicher durch Anime global vermittelt werden. Ähnlich wie K-Pop das Bild von Asien weltweit verändert hat, trägt Anime dazu bei, die Wahrnehmung Japans kontinuierlich zu modernisieren und lebendiger zu gestalten.


„Ich entdecke jedes Mal etwas Neues“

Planetkey: Welcher Anime hat dich persönlich am meisten geprägt?

Kadokawa CAO:
Zu den Werken, die ich am häufigsten gesehen habe, gehören Lupin III: The Castle of Cagliostro und Mobile Suit Gundam: Char’s Counterattack. Tatsächlich lasse ich sie oft als eine Art Abendritual laufen.

Ich mag es, dieselben Filme immer wieder anzuschauen. Mit jeder Wiederholung entdeckt man neue Details, sei es in der Kameraführung oder in der Komposition einzelner Szenen.

Seit ich Vater bin, habe ich außerdem Klassiker wie Toy Story oder Ponyo häufig gemeinsam mit meinem Kind gesehen.

Diese Erfahrungen haben mir erneut gezeigt, dass Animation ein universelles Medium ist, das Menschen unabhängig von Alter oder Herkunft verbindet. Auch wenn ich Anime heute aus einer geschäftlichen Perspektive betrachte, bilden diese persönlichen Erlebnisse – sowohl aus meiner Kindheit als auch aus dem Familienleben, die Grundlage meiner Arbeit.

 

Ein Blick, der zeigt: Hinter den strategischen Entscheidungen eines globalen Anime-Unternehmens steckt am Ende immer noch die gleiche Faszination, mit der Fans weltweit aufgewachsen sind.